West Coast Trail
11:00 Uhr
Ein Fixpunkt auf unserer Reise war der West Coast Trail im Pacific Rim Nationalpark, den wir auch schon längere Zeit im Voraus planten und reservierten. Da die Zeit ein wenig drängte, machten wir uns nach dem wunderschönen Kanutrip in Wells Gray auf nach Vancouver. Dort erledigten wir neben Sightseeing bereits einige Einkäufe für den West Coast Trail und nahmen dann die Fähre nach Vancouver Island.
Kurz bevor wir in Victoria ankamen, konnten wir eine grössere Gruppe Orcas direkt von der Fähre aus beobachten. Das Abenteuer auf Vancouver Island konnte beginnen. Nun aber zuerst einmal einige Informationen zum West Coast Trail. Er ist insgesamt 75 km lang und erstreckt sich entlang der Westküste von Vancouver
Island zwischen Port Renfrew und Bamfield. Ursprünglich beheimateten die First Nations (Huu-ay-aht, Ditidaht und Pacheedaht) die Küste entlang von Vancouver Island. Später steigerten Segelschiffe aus der ganzen Welt den Handel entlang der Küste, jedoch gab es damals viele tragische Segelunglücke, da die Sicht wegen des Nebels meistens sehr schlecht war. Nach dem Wrack der Valencia, als 133 Menschen ihr Leben verloren, veranlasste die Regierung, die ursprünglichen Wege der Ureinwohner als Rettungswege zu benutzen. Die Ureinwohner wurden in Reservate vertrieben und der West Coast Trail diente bis in die 50er Jahre den Schiffsbrüchigen wieder schnell in die Zivilisation zurückzufinden.
Bevor wir aber mit der doch eher längeren Wanderung beginnen konnten, mussten wir in Victoria das ganze Essen für die kommenden 6 Tage einkaufen. Da wir darauf achten mussten, dass wir leichte Kost mitnahmen, legten wir an der Kasse ganze 14 Fertigpackungen in verschiedenen Variationen aufs Förderband. Der Mann hinter mir machte grosse Augen, als er den Haufen Fertigfood erblickte und fragte ganz verwundert, ob ich mich denn von nichts anderem ernähre. Als ich ihm dann aber erklärte, was unser Voraben sei, war er beruhigt und schaute nicht mehr so verdutzt drein.
Nach dem Einkauf in Victoria machten wir uns auf den Weg nach Port Renfrew. Im Informationszentrum erhielten wir eine Einführung in die kommenden Tage. Nun mussten wir nur noch unsere Rucksäcke auf ein Minimum beschränkt packen und dann konnte es los gehen. Am anderen Morgen wurden wir zusammen mit zwei Deutschen und einem Pärchen aus Amerika per Boot zum Startpunkt unserer Wanderung gebracht. Die 3 Minutenfahrt kostete 60 Dollar. Das hätten wir auch mit unserem 10 Dollar Böötchen zurücklegen können, obwohl wir dann wahrscheinlich schon erschöpft gewesen wären, bevor wir überhaupt mit dem Trail gestartet hätten.
Fit und munter blickten wir in die Kamera für unser Startfoto und dann liefen wir los. Um ehrlich zu sein, die ersten 22km grenzten schon fast an eine Katastrophe. Der Weg war voller Wurzeln und Schlamm und wir brachten in der Stunde teilweise nicht mal zwei Kilometer hinter uns. Das ist ja nicht wirkli
ch viel, wenn man bedenkt, was alles noch vor uns lag. Pro Jahr werden im Schnitt 100 Wanderer evakuiert, hauptsächlich wegen Stürzen und Verletzungen am Knie und Fussgelenk. Nun fragt man sich, warum wir das überhaupt machten und ich kann euch nur sagen, dass wir uns diese Frage auf den ersten 2 Tagen auch mehrmals gestellt haben. Zusammen mit den Amerikanern, Eric und Robin lästerten wir nach den ersten 5km beim Mittagessen über den schlechten Zustand des Weges. Trotzem liefen wir noch weitere 8km und richteten uns erschöpft am Abend beim Campingplatz ein. Die meisten Zeltplätze sind mit einer von Bären und Pumas abschliessbaren Esswarenkiste, sowie einem Plumpsklo ausgestattet. Das war alles. Frisches Wassser gabs von den Bächen, das wir aber zuerst filtern mussten. Am anderen Tag gabs nochmals 11km Matsch und Sumpf zu bewältigen, doch zwischendurch konnten wir uns auf Bretterwegen oder in Seilbahnen erholen.
Bis am Abend waren die Gamaschen voller Dreck und auch wir hatten eine Erfrischung im kalten See dringend nötig. Die ersten, anstrengenden 22km lagen hinter uns und ab jetzt galt es die Gezeiten genau zu studieren, damit wir so viel wie möglich am Strand wandern konnten. Das Gehen am Strand konnte teilweise wegen felsigem und rutschigem Gelände auch sehr anspruchsvoll werden, aber es war kein Vergleich mit dem Schlammbad oberhalb auf dem Weg. Nun kamen wir so richtig in einen Tritt und obwohl wir am Morgen jeweils die letzten waren die aus den Federn krochen, marschierten wir unterwegs an allen vorbei. Wir campierten immer direkt am Meer und beim Lagerfeuer verbrachten wir unterhaltsame Abende zusammen mit Eric und Robin, den beiden Amerikanern. Der Körper gewöhnte sich von Tag zu Tag besser an das Wandern und natürlich wurden auch unsere Rucksäcke mit jedem Abendessen Fertigpackung ein wenig leichter.
Je nach Gezeiten konnten wir längere Strecken am Strand gehen und dabei Seelöwen, hunderte von Möwen und viele, kleine Krabbeltiere bei Ebbe beobachten. Bei unpassierbaren Stellen mussten wir auf den Weg durch den Regenwald wechseln, der einfach unglaublich schön war. Die Bäume waren teilweise wahre Riesen und alles ist mit Moos bewachsen. Neben dem Weg wäre ein Durchkommen sehr schwierig, denn alles ist mit Farnen, Gestrüpp und vielen weiteren Pflanzen übersät. Es war faszinierend, besonders wenn der Nebel gespenstig über dem Wald hing, dann fühlten wir uns schon fast wie in einem Märchenwald. Je weiter wir in Richtung Bamfield liefen, wurde der Weg besser und die Verlockung war gross, unkonzentriert und in Gedanken den wunderschönen Wald zu geniessen. Doch ausser ein paar Stolperschritten kamen wir am 6. Tag gesund, etwas erschöpt, aber sehr zufrieden in Bamfield an.
Auf einer Schotterstrasse wurden wir im West Coast Trail Express zurück nach Port Renfrew gebracht und wurden dabei so richtig durchgeschüttelt. Spontan luden uns Eric und Robin in ein Restaurant auf ein Abschiedsessen ein und wir freuten uns richtig auf die kulinarische Abwechslung, da wir uns die letzten Tage nur von Pasta und Reis ernährten. Doch leider machte die Serviertochter eine Fehlbestellung in der Küche und wir bekamen einen grossen Teller Reis serviert, der dann aber doch sehr gut schmeckte. Später verabschiedeten wir uns von dem liebenswerten Pärchen aus Amerika und freuten uns aufs Leben und den Luxus im Trudi. Der West Coast Trail war eine tolle Erfahrung, der wunderschöne Regenwald und die traumhafte Küste entland des Pazifiks liessen uns das Balancieren im Schlamm schon fast vergessen.
Reaktionen
10:10 Uhr
..e spannende Bricht und wie immer super Fotne!
Ich freu mi schu uf euri nechschte Gschichte :-)
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